Themenbild Michaeliskirche

Kommissar Micha auf der Suche nach der Gerechtigkeit

Predigt am 8. November 2015

Die Wochenenden sind das Schlimmste.

Seit die Kinder beide ausgezogen sind.

Morgen geht der tägliche Wahnsinn wieder los. Das Hamsterrad.

Aber heute?

Sonntagabend.

Simone sitzt auf ihrem Sofa.

Sie lehnt sich zurück. Da spürt sie die Postkarte an ihrem Hinterkopf. Ach ja, die hatte ihre Tochter ihr geschickt. Sie hat sie gestern auf die Sofalehne gestellt. Carpe diem. Pflücke den Tag. Na toll!
War nett gemeint … aber sie musste sofort an die Frau denken, die sie kürzlich in der Stadt gesehen hatte.
Auf ihrem T-Shirt stand groß und unübersehbar: Carpe that fucking diem. Pflücke diesen verdammten Tag.
Das klingt für den heutigen Abend schon passender.
Es ist verrückt. Wenn sie keine Zeit hat, wünscht sie sich Zeit. Aber wenn sie Zeit hat, fühlt sich die Zeit seltsam leer an. Als gebe es gar nichts zu pflücken. Sie müsse sich verwirklichen, meint ihre Tochter. Wenn sie das schon hört …

Rechts neben ihr liegt das Buch, das ihr Kollege ihr ausgeliehen hat.
Das Buch der Unruhe.
Er ist völlig begeistert davon.

Irgendwie trifft es ihre momentane Stimmung, macht sie aber auch nicht besser. Simone schlägt es auf und liest dort weiter, wo sie gestern aufgehört hat. Eigentlich passiert ja gar nichts in diesem Buch. Ein Mensch betrachtet das Leben. Plötzlich stutzt sie. „Wir verwirklichen uns nie.“, liest sie. „Wir sind zwei Abgründe – ein Brunnen, der den Himmel anstarrt.“ Simone legt das Buch aus der Hand. Ein Brunnen, der den Himmel anstarrt.

Sie greift nach links zur Zeitung. Morgen ist der 9. November. Sie will noch den Artikel zum Gedenktag lesen.
1938: Jüdische Geschäfte und Synagogen wurden in Brand gesteckt. Wie konnte das passieren? Wie konnten Hass und Angst Menschen dazu bringen, Feuer zu legen?
Oder wie können …

Simone legt die Zeitung aus der Hand und schaut auf die Uhr. 20.14 Uhr. Schnell angelt sie sich die Fernbedienung. Perfekt. Mal sehen, wer heute ermittelt. Wieder ausschalten kann sie ja immer noch.
Dann kann sie morgen jedenfalls mitreden. Den „Tatort“ schauen ja fast alle. Sonntags ab 20.15 Uhr sucht Deutschland nicht mehr den Impfpass, sondern den Täter.

JINGLE

Kommissar Micha … Ach der! Sein zweiter Fall … Stimmt, sein erster Fall lief am letzten Heiligen Abend. In der Blankenlocher Kirche. Erst hatte sie sich noch darüber gewundert, aber dann war es spannend geworden. Genau, das ist der!
Der Friedenssucher, der Zeitreisen unternimmt.
Der Gerechtigkeitsfanatiker, der Bibeltexte auf sein Smartphone geschickt bekommt.
Der Prophet, der nach dem Kind gefahndet hat.
Ziemlich kurios, aber interessant.
Simone macht es sich gemütlich.

Es geht um ein aktuelles Thema. Ein Brandanschlag in einer Flüchtlingsunterkunft.
Drei Tote. Zwei Frauen schweben noch in Lebensgefahr.
Von den Tätern keine Spur.

Micha, der Kommissar, verbringt die Nacht im Präsidium und klickt sich durch das unansehnliche Dickicht der rechten Szene. Nach zwei Pizzaschachteln und drei Kaffeebechern legt er angeekelt die Füße auf den Schreibtisch.

Aber er findet keine Ruhe.

Wo soll er anfangen?

Wie konnte das bloß passieren?

143 Menschen brauchen schnell eine neue Bleibe. Sie haben doch schon genug Schreckliches erlebt und sind mit großen Hoffnungen hierher gekommen. Auf der Suche nach einem guten Leben. Geflohen vor Machthungrigen und vor Raffgierigen. Wie damals.

JINGLE

Tatort: Jerusalem, Hauptstadt des Kleinstaates Juda

Tatzeit: 8. Jahrhundert vor Christus

Mutmaßliche Täter: reiche Großgrundbesitzer, die die Landbevölkerung in finanzielle Abhängigkeit stürzen, und führende Politiker, die in die eigene Tasche wirtschaften

Micha, der Prophet, stapft durch das Dickicht eines verlassenen Weinberges.

Auf der Jagd nach dem Recht.
Auf der Suche nach Gottes Gerechtigkeit.

Er nimmt kein Blatt vor den Mund und erhebt Anklage:

Ihr giert nach Äckern und raubt sie; und nach Häusern und nehmt sie weg, und ihr unterdrückt die Menschen. Ihr hasst Gutes und liebt Böses. Ihr reißt ihnen die Haut herunter und das Fleisch von den Knochen! Ihr verabscheut das Recht und alles, was gerade ist, verdreht ihr!

Vom Zion, von Jerusalem und seinem Tempel, sollte Gerechtigkeit ausgehen und allen ein gutes Leben ermöglichen. Stattdessen begehen die Verantwortlichen selber Unrecht. Die Raffgierigen und Machthungrigen treten Gottes Gerechtigkeit mit Füßen.
Micha sieht alles in Gefahr.
Gott könnte in seinem Zorn die ganze Stadt vernichten.

Micha geht auf den Tempelberg und betritt den Vorhof des Tempels.
Er sieht auf die Stadt hinab.

Micha schließt die Augen.
Er hat eine Vision.

Und in fernen Tagen wird der Berg des Hauses des HERRN fest gegründet sein, der höchste Gipfel der Berge, und er wird sich erheben über die Hügel.
Und Völker werden zu ihm strömen, und viele Nationen werden hingehen und sagen: Kommt und lasst uns hinaufziehen zum Berg des HERRN, zum Haus des Gottes Jakobs, damit er uns in seinen Wegen unterweise und wir auf seinen Pfaden gehen.
Denn vom Zion wird Weisung ausgehen und das Wort des HERRN von Jerusalem.

Und er wird für Recht sorgen zwischen vielen Völkern.
Und mächtigen Nationen Recht sprechen, bis in die Ferne.
Dann werden sie ihre Schwerter zu Pflugscharen schmieden und ihre Speere zu Winzermessern.

Micha öffnet die Augen. Ja, so wird es sein!
Wenn nicht das Recht vom Zion herabströmt, dann werden die Menschen eben zum Zion hinaufströmen.
Sie werden Gottes Gerechtigkeit in die Welt hinaustragen.
Und alle werden ein gutes Leben führen.

Micha, der Prophet, gibt nicht auf.

Er stapft weiter.
Gottes Gerechtigkeit wird sich durchsetzen.

JINGLE

Micha, der Kommissar, steht frustriert mit einem Bier in der Hand vor der Currywurstbude.
Die Verdächtigen haben ein Alibi. Sie decken sich gegenseitig. Keiner will etwas gesehen haben. Er sollte nochmal die Spurensicherung einschalten.

Pling. Micha bekommt eine Nachricht. Ach, der anonyme Absender.

Sie werden ihre Schwerter zu Pflugscharen schmieden und ihre Speere zu Winzermessern. Sie werden das Schwert nicht erheben, keine Nation gegen eine andere, und das Kriegshandwerk werden sie nicht mehr lernen.

Und ein jeder wird unter seinem Weinstock sitzen und unter seinem Feigenbaum, und da wird keiner sein, der sie aufschreckt.

Was soll das?? Das ist ja geradezu zynisch!

Es ist doch alles genau umgekehrt.

Waffen werden produziert und verkauft.

Die Pflüge stehen in der Ecke.

Nationen kämpfen gegeneinander.

Sie lernen den Krieg.

Sie müssen ihre Weinberge verlassen.

Da sind viele, die andere aufschrecken.

Nicht das Recht strömt, sondern die, die auf der Flucht sind.

Pling. Eine neue Nachricht.
Ah, die Fortsetzung.

Denn der Mund des HERRN der Heerscharen hat gesprochen!

Micha steht vor der Currywurst-Bude und starrt ungläubig auf das Display seines Smartphones.

Denn der Mund des HERRN der Heerscharen hat gesprochen!

Das soll wohl die Begründung sein, überlegt er. Sie werden schmieden. Sie werden sitzen. Es wird sein. Es wird sein – weil Gott es versprochen hat.

Im Moment ist alles anders. Das ist die Wirklichkeit.

Aber es wird sein. Das ist die Möglichkeit. Das Versprechen. Es wird sein.

Das, was gilt, ist die Möglichkeit.

Micha, der Kommissar, gibt nicht auf.

Er stapft weiter.

Es wird sein.

JINGLE

Simone schaltet den Fernseher aus.

Schwerter zu Pflugscharen. So einen Aufnäher hatte sie damals auch! In der Friedensbewegung. Wir haben wirklich gedacht, dass es möglich ist. Aber nun ist alles wieder da.
Der Krieg. Der Hass. Die Welt brennt.

Möglich ist es immer noch. Den zweiten Brandanschlag hat der Kommissar gerade noch rechtzeitig verhindert. Den jungen Mann, der die Molotowcocktails geworfen hat, hat er verhaftet. Aber die eigentlichen Drahtzieher und die rhetorischen Brandstifter werden nicht zur Rechenschaft gezogen.

Rhetorische Brandstifter. Worte legen Brände.

Löschen Worte auch Brände?

Weinstöcke und Feigenbäume für alle, sagt der Prophet. Oder Reis und Fisch. Oder Brot und Butter. Alle haben, was sie brauchen. Keiner schreckt die anderen auf. Frieden.
Löschen diese Worte Brände? Oder verhindern sie sie?

Und was ist mit den Brandopfern?
Und mit all den anderen Opfern?

Von Gewalt und Krieg.
Von Machthungrigen und Raffgierigen.

Gibt es auch für sie einen Frieden?
Wird es wirklich sein?

Simone legt sich auf‘s Sofa und schaut an die Decke.

Gibt es auch für mich einen Frieden?

Die Sätze aus dem Buch fallen ihr wieder ein. Wir verwirklichen uns nie. Wir sind zwei Abgründe – ein Brunnen, der den Himmel anstarrt.

Wir sind ein Brunnen. In seinen Tiefen sammelt sich so einiges: Brandwunden und Verletzungen, Feigheit und Einsamkeit, schlechte Zeiten, Schuld und Schmerzen, unerfüllte Sehnsüchte.

Und wir starren den Himmel an, weil wir da alleine nicht herauskommen.

Wir verwirklichen uns nicht, weil wir das gar nicht können.

Wir lassen uns verwirklichen.

Von diesem Versprechen: Es wird sein.

Von Gott, der unseren Brunnen ansieht. Liebevoll sieht er ihn an und sagt: Es wird sein!

Er blickt bis in den Abgrund des Todes und sagt wieder: Es wird sein!

Menschen treten seine Gerechtigkeit mit Füßen und nageln seine Liebe ans Kreuz, und er sagt immer noch: Es wird sein!

Solche Worte löschen Brände.

Es kommt nicht auf die Wirklichkeit an.

Es kommt auf die Möglichkeit an.

Simone steht auf.
Morgen gehe ich mal rein, wenn ich auf dem Rückweg dran vorbeikomme. Vielleicht können die noch Hilfe gebrauchen.
Am Wochenende habe ich ja jetzt Zeit.

Sie öffnet das Fenster.

Es kommt auf den Himmel an.
Auf den Himmel über dem Brunnen.

Es wird sein.
Es wird wirklich sein.

Amen.

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Kirchenkonzert am Sonntag Kantate


Einige Sonntage der österlichen Freudenzeit enthalten in ihren lateinischen Namen Aufforderungen: Jubilate! Kantate! Rogate!

Auf einer davon gründet die Existenz des Chores. So veranstalten wir seit vielen Jahren am vierten Sonntag nach Ostern ein Konzert mit unterschiedlichen Formen der Kirchenmusik, bei dem immer die Gemeinde miteinbezogen wird in das Wort aus Psalm 98: „Singet dem Herrn ein neues Lied!“ Diese Tradition soll auch in diesem Jahr fortgesetzt werden.


Gottesdienst


mit Pfarrer Jörg Seiter